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Früh­er­ken­nung und Früh­för­de­rung

Nutzen Sie auch

Früherkennung

Um Auffälligkeiten oder Beeinträchtigungen in der Entwicklung eines Kindes möglichst früh zu erkennen, gibt es sogenannte Früherkennungsmaßnahmen. Diese werden in den Kindesuntersuchungen U1 bis U9 umgesetzt. Der Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen hat "Richtlinien zur Früherkennung von Krankheiten bei Kindern bis zur Vollendung des 6. Lebensjahres" verabschiedet. Die nach diesen Richtlinien durchzuführenden ärztlichen Maßnahmen bei Kindern bis zur Vollendung des 6. Lebensjahres dienen der Früherkennung von Krankheiten, die eine normale körperliche oder geistige Entwicklung des Kindes in nicht geringfügigem Maße gefährden.

Frühförderung

Sind Entwicklungsbeeinträchtigungen diagnostiziert worden, ist zu überlegen, welche medizinischen, psychologischen, pädagogischen und sozialen Maßnahmen der Frühförderung geeignet sind, die Entwicklung des Kindes zu fördern. Es ist nach Möglichkeit ein ganzheitliches Hilfekonzept unter Einbindung der Erziehungsberechtigen des Kindes zu erstellen.

In den vergangenen 30 Jahren hat sich ein gut ausgebautes System der Frühförderung in Deutschland entwickelt. Dieses System ist sehr heterogen, berücksichtigt regionale und strukturelle Unterschiede in den einzelnen Ländern und Kommunen. Das System der Frühförderung befindet sich seit dem Inkrafttreten des SGB IX zum 1. Juli 2001 in einem Prozess der Umstrukturierung. Durch das SGB IX ist die sogenannte "Komplexleistung Frühförderung" eingeführt worden (§§ 26, 30, 56 SGB IX). Die Frühförderstellen sollen sich interdisziplinär ausrichten, d.h., alle an der Frühförderung beteiligten Fachdisziplinen sollen sich abstimmen. Ergänzt werden die Regelungen zur Frühförderung durch die Frühförderverordnung, die zum 1. Juli 2003 in Kraft getreten ist; sie enthält Rahmenvorgaben über die Leistungen der Frühförderung, zu den Stellen, die sie erbringen und zur Kostenaufteilung zwischen den Kostenträgern (Sozialhilfeträger und Krankenkassen).

Durch einen Beschluss des Landessozialgerichts Berlin-Brandenburg vom 11.12.2007, Az L 23 B 249/07 SO ER, gibt es folgende richterliche Orientierungssätze, die für den einen oder anderen Fall von Interesse sein könnten:

  • Das für den Erlass einer einstweiligen Anordnung erforderliche Eilbedürfnis ist zu bejahen, weil die begehrte Frühförderung bei bestehender Mehrfachbehinderung möglichst frühzeitig ansetzen muss. Ein Abwarten der Entscheidung im Hauptsacheverfahren ist angesichts des Zieles der sinnesspezifischen Frühförderung nicht zumutbar.

  • Der Anspruch auf Eingliederungshilfe ist nicht schon deshalb ausgeschlossen, weil es sich bei einer Einrichtung nicht um ein sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ) im Sinne des § 2 Satz 2 FrühV handelt.

  • Kann der Eingliederungsbedarf mit einer Einrichtung nicht erbracht werden, ist der Bedarf im Einzelfall durch andere Träger zu decken.

  • Die Leistungserbringung durch eine Einrichtung ist nicht deshalb ausgeschlossen, weil der Sozialhilfeträger mit dieser keine Vereinbarung über die Vergütung geschlossen hat.

  • Der Leistungsträger des SGB XII hat sich bei seiner Ermessensentscheidung am Bedarfsdeckungsprinzip zu orientieren. Soweit er dem Hilfesuchenden, der bereits durch eine Einrichtung gefördert wird, keine konkrete geeignete Hilfemöglichkeit nachweist, muss er die Kosten grundsätzlich übernehmen, auch wenn eine Vereinbarung nach § 75 Abs 3 SGB 12 mit dieser Einrichtung nicht besteht.

Das Urteil ist zu finden in FEVS (Fürsorgerechtliche Entscheidungen der Verwaltungs- und Sozialgerichte) 60, 11-18 (red. Leitsatz und Gründe) bzw. hier

Frühförderstellen

Medizinische Erstberatung und -behandlung erfolgt in der Regel durch niedergelassene Kinderärzte. Früherkennung, Frühbehandlung und Frühförderung erfordern wohnortnahe integrative interdisziplinäre Angebote. Diese werden bundesweit von circa 1.000 eigenständigen Frühförderstellen (überwiegend freier Träger) und über 120 sozialpädiatrischen Zentren (SPZ), die meist an ein Krankenhaus angegliedert sind, bereitgestellt. Die SPZ ergänzen das über die Frühförderstellen angebotene System der Hilfen. Sie sind überregional ausgerichtet und werden in erster Linie dann benötigt, wenn es um spezielle Differentialdiagnostik und Hilfeansätze geht, die vor Ort nicht oder nicht ausreichend sichergestellt werden können.

Praktische Informationen und Adressen zum Thema Frühförderung gibt es auf der Internetseite Familienratgeber Es handelt sich dabei um eine Informationsplattform der Deutschen Behindertenhilfe - Aktion Mensch e.V.

Wer etwas mehr zum Hintergrund der Entwicklung und Situation der Frühförderung in Deutschland wissen möchte: siehe Download-Text unten.

Forschungsberichte

Seit Juli 2008 liegt ein Forschungsbericht des Instituts für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik (ISG) zur "Datenerhebung zu den Leistungs- und Vergütungsstrukturen in der Frühförderung behinderter und von Behinderung bedrohter Kinder" vor. Das Forschungsprojekt wurde im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales durchgeführt. Der Bericht steht hier ebenfalls als Download zur Verfügung.

Ein weiterer Forschungsbericht des ISG „Strukturelle und finanzielle Hindernisse bei der Umsetzung der interdisziplinären Frühförderung gem. § 26 Abs. 2 Nr. 2 in Verbindung mit §§ 30 und 56 Abs. 2 SGB IX“ liegt seit März 2012 vor.