Navigation und Service des Auftritts der Behindertenbeauftragten Verena Bentele

Frau­en mit Behinderung

Nutzen Sie auch

Organisation, Forderungen sowie bisherige Erkenntnisse zu den Lebenslagen behinderter Frauen

Frauen mit Behinderungen haben sich bereits seit Anfang der 1990er Jahre in Netzwerken zusammengeschlossen, ihre Forderungen klar formuliert und in Wissenschaft und Politik eingebracht. Die Interessenvertretungen behinderter Frauen haben gezeigt, dass keine behindertenpolitische Maßnahme ohne Berücksichtigung der unterschiedlichen Bedürfnisse der Geschlechter und deren unterschiedlichen Rollen (Genderaspekt) erfolgen darf. In der nationalen Gesetzgebung tritt dies deutlich durch die Aufnahme dieser zu berücksichtigenden Punkte in das BGG sowie das SGB IX zutage. Auch auf europäischer Ebene fand eine Vernetzung der Interessenvertretungen von Frauen mit Behinderung statt, die zur aktiven Beteiligung an der Entstehung der UN-Behindertenrechtskonvention führte.

In Zusammenhang mit der Umsetzung der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen werden die typischen Schwierigkeiten und Forderungen von Frauen mit Behinderung unter dem Stichwort „Mehrfachdiskriminierung“ erneut diskutiert. Thematisiert werden hier vor allem folgende Punkte:

  • Schaffung eines wirksamen gesetzlichen Schutzes vor Mehrfachdiskriminierung,
  • Elternassistenz,
  • Recht auf geschlechtsspezifische Pflege und Assistenz (siehe dazu „Geschlechtsspezifische Pflege“),
  • Recht auf ein selbstbestimmtes Leben zu Hause statt im Heim sowie
  • Schutz vor (sexualisierter) Gewalt und  Missbrauch.

Der Frauenanteil der pflegebedürftigen Menschen in Heimen liegt momentan bei ca. 77 Prozent. Die daraus resultierende Schlussfolgerung lautet, dass Frauen z.B. von Pflegemängeln besonders betroffen sind. Eine umfassende Betroffenheitsstatistik in Bezug auf Gewalterfahrungen steht in Deutschland noch aus.

Frauen mit Behinderungen sind unbestritten oftmals von mehrdimensionaler Diskriminierung in nahezu allen Lebensbereichen betroffen, weshalb eine Beachtung und Einbeziehung der Belange dieser Gruppe unbedingt notwendig ist. In verschiedenen Berichten der Bundesregierung wird die Mehrdimensionalität der Diskriminierung behinderter Frauen angesprochen. Die Links dazu finden sie untenstehend.

Die vom  Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Auftrag gegebene Abhandlung „Lebenslagen behinderter Frauen in Deutschland – Auswertung des Mikrozensus 2005“ sowie die repräsentative wissenschaftliche Studie „Ausmaß und Umfang von Gewalt gegen behinderte Frauen“ geben weitere Einblicke in die Situation von Frauen mit Behinderungen. Durch diese Analyse, bei der auch die Lebenslagen von Migrantinnen mit Behinderung untersucht wurden, konnte eine Vielzahl bemerkenswerter Erkenntnisse gewonnen werden, zum Beispiel:

  • „Der Anteil der behinderten Frauen an den Erwerbspersonen ist signifikant geringer als der der übrigen Gruppen. Sie sind in Bezug auf ihre Teilhabe an der Erwerbstätigkeit doppelt diskriminiert.“ (Seite 8 der Zusammenfassung)
  • "Behinderte Frauen sind in Bezug auf Erwerbstätigkeit, Alterssicherung und Einkommen doppelt diskriminiert. Das ist auf die Problematik der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zurückzuführen, die durch eine Behinderung verstärkt wird.“ (Seite 13)
  • "Im Durchschnitt ist das schulische Bildungsniveau von Männern und Frauen mit Behinderung niedriger als das nicht behinderter Menschen. …Aber auch das Geschlecht scheint die Bildungschancen zu beeinflussen, denn der Anteil der Frauen (…) mit einem mittleren Bildungsabschluss ist höher als der der Männer (…), während ihr Anteil mit einem höheren Bildungsabschluss geringer ist (…) als der der Männer (…). (Seite 14)
  • „Auch in Bezug auf ihre sozialen Lebensformen sind behinderte Frauen daher doppelt benachteiligt. Sie leben am häufigsten alleine oder mit einem Partner zusammen, aber ohne Kinder.“ (Seite 13)

Aufgrund der im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend durchgeführten Studie „Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen in Deutschland“ liegen in Deutschland seit Herbst 2011 erstmals repräsentative Daten im ambulanten, stationären und häuslichen Bereich für die Altersgruppe der 16- bis 65-jährigen Frauen mit Behinderung vor. Es wurden über 1500 Frauen in Privathaushalten und in Einrichtungen der Behindertenhilfe befragt. Die Ergebnisse belegen die hohe Gewaltbetroffenheit von Frauen mit Behinderung.
Einzelheiten zu der Studie können der Internetseite des BMFSFJ-Studie "Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen in Deutschland" entnommen werden. Dort ist auch eine Kurzfassung der Studie eingestellt.

Aufgrund der Ergebnisse der Studie ist die Forderung nach Frauenbeauftragten in Einrichtungen der Behindertenhilfe und in Werkstätten für behinderte Menschen wichtiger denn je.

Das Weibernetz e.V. – Bundesnetzwerk von FrauenLesben und Mädchen mit Beeinträchtigung erprobte in einem Pilotprojekt von 2008 bis 2011 die Einsetzung von Frauen mit Lernbeeinträchtigung als Frauenbeauftragte in Werkstätten und Wohneinrichtungen. Wegen der positiven Erfahrungen wird nun über die Möglichkeit der flächendeckenden Implementierung geprüft. Dazu hat Weibernetz bezogen auf die Implementierung in Werkstätten für behinderte Menschen Eckpunkte erarbeitet. Ferner läuft seit Oktober 2013 das Projekt „Frauenbeauftragte in Einrichtungen-Ein Projekt macht Schule für die Dauer von drei Jahren.

Weibernetz e.V.: Eckpunkte zur Implementierung von Frauenbeauftragten in Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) (PDF/123KB)

Readspeaker Icon Dokument vorlesen

Zugang zu Ausbildung und Beschäftigung behinderter Frauen

Obwohl sich in den letzten Jahren die Ausbildungs- und Beschäftigungsquote von Frauen mit Behinderung durch gezielte Programme erhöht hat, sind diese in Bezug auf Erwerbstätigkeit doppelt diskriminiert. Die berufliche Teilhabe von Frauen mit einer Schwerbehinderung bleibt hinter der von Frauen ohne Behinderung weit zurück. Auch hinsichtlich der Berufswahlchancen bestehen erhebliche Einschränkungen. Jungen Frauen mit Körperbehinderung werden i.d.R. Ausbildungen in einem Büroberuf empfohlen, jungen Frauen mit einer Lernbeeinträchtigung Berufe im hauswirtschaftlichen Bereich.

Aufgrund der besonderen Schwierigkeiten von Frauen mit Behinderungen beim Berufseinstieg bietet der Hildegardis-Verein ein bundesweites Mentoring-Programm für Studentinnen mit Behinderung an. Frauen mit Behinderungen aus verschiedensten Fachrichtungen erhalten somit Förderchancen durch individuelle Begleitung. Dabei wird jede teilnehmende Studentin ein Jahr lang von einer berufserfahrenden Person mit akademischem Abschluss beraten und lernt den Berufsalltag kennen. Einzelheiten unter www.hildegardis-verein.de

Geschlechtsspezifische Pflege

Insgesamt konnten die Leistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung bereits durch das Pflege-Weiterentwicklungsgesetz vom 1. Juli 2008 besser auf die Bedürfnisse der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen ausgerichtet werden. So werden seit diesem Zeitpunkt beispielsweise die ambulanten und stationären Leistungen bis zum Jahr 2012 schrittweise angehoben. Dennoch bestehen weiterhin Probleme bei der Versorgung pflegebedürftiger Menschen, so z.B. bei der Realisierung des Wunsches nach gleichgeschlechtlichen Pflegekräften.

Die Versorgung pflegebedürftiger Menschen ist generell mit einer engen persönlichen und körperlichen Kontaktnahme zwischen der jeweiligen Pflegeperson und dem pflegebedürftigen Menschen verbunden. Dies gilt besonders für die Bereiche der Körperpflege und insgesamt für die direkten Tätigkeiten an der zu pflegenden Person.

Mit der Reform der Pflegeversicherung wurde die zunehmende Relevanz des Themas in der öffentlichen Debatte berücksichtigt und festgelegt, dass so weit wie möglich eine geschlechtsspezifische Pflege vorgenommen werden soll: Frauen pflegen Frauen, Männer pflegen Männer (§ 2 Absatz 2 Satz 3 Elftes Buch Sozialgesetzbuch - SGB XI). Diese Regelung verpflichtet Pflegeeinrichtungen und -dienste zwar dazu, wann immer möglich, dem Wunsch von pflegebedürftigen Menschen nach gleichgeschlechtlicher Pflege nachzukommen. Dennoch besteht de facto kein Rechtsanspruch auf die gleichgeschlechtliche Pflege. Dieser würde aber nach Auffassung der Menschen mit Behinderung einen wirksamen Schutz vor sexuellem Missbrauch bieten. Als wichtige Präventionsmaßnahme wird von Menschen mit Behinderungen daher gefordert, den Anspruch auf gleichgeschlechtliche Pflege im SGB XI zu verankern.

Die Bundesregierung hat in den Nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der Behindertenrechtskonvention verschiedene Maßnahmen zur Verbesserung der Lebenssituation von Frauen mit Behinderung eingestellt. Diese Maßnahmen sollen stetig überprüft und verbessert werden.

Die Situation von Frauen mit Behinderung wird aktuell im Staatenbericht zur Umsetzung der Behindertenrechtskonvention beschrieben.